Hermann Josef Runggaldier

* St. Ulrich/Gröden 1948, lebt und arbeitet in St. Ulrich

. . . . . . . Hermann Josef Runggaldier ist Bildhauer. Er hat seine Arbeit getan. Er hat Spannung aufgebaut, nun warten seine Figuren, wie wir die Geschichte weiterspinnen. Was mag geschehen sein? Was soll geschehen? Sechs Personen befinden sich vor einer sechs Meter langen Milchglaswand, drei Erwachsenen und drei Kinder, vier sind schwarz, zwei weiß, ein Kind sitzt, die anderen Personen stehen, die „Weißhäutigen“ versuchen, hinter der Glasscheibe etwas zu erkennen, die schwarzen Figuren schauen zum Betrachter - zurück? – oder beobachten einander. Weiße und Schwarze haben miteinander nichts zu tun. Bis jetzt. Auf der anderen Seite der Glasscheibe noch mehr Menschen, sie bewegen sich alle in die gleiche Richtung. Die Szenerie spielt eindeutig im Heute. Alles ist auf den Augenblick ausgerichtet, die Komposition, die schönen, dabei wohltuend imperfekten Körperformen, die Haltung der Figuren, die darauf schließen lässt, dass sie sich von außen unbeobachtet fühlen und jederzeit in eine andere Pose verfallen könnten. Stört es, dass sie nackt sind? Sie müssen nackt sein. Hermann Josef Runggaldier ist keiner, der nur den Augenblick einfängt, seine Bildhauerei hat Gewicht und weit verzweigte Wurzeln. . . . . Immer sorgfältiger schält Runggaldier in seinen Figuren das Menschsein an sich heraus, darin dem Anspruch der klassischen Skulptur ähnlich, mit ihrer Suche nach Formschönheit und Harmonie; er trifft anscheinend klare Aussagen, lässt gleichzeitig alles in der Schwebe. Ich gehöre einer Gruppe an und fühle mich einsam, ich bin hier, mein Blick will in die Ferne. Und worauf warte ich eigentlich? Viele Titel fallen mir zu dem Werk ein, das Runggaldier „Ohne Titel“ in dieser Ausstellung zeigt: Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“, Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, Shakespeares „Sein oder Nichtsein“, Becketts „Warten auf Godot“, ungeordnete Assoziationen, die auf eine ungeordnete Welt verweisen, in der die Orientierung gestört ist. So haftet auch Runggaldiers Menschen nichts Feierliches oder Heldenhaftes an. Wir sind klein geworden. Der Mensch fühlt sich groß in der Leichtigkeit des Augenblicks. Wie soll es weitergehen?

Gabriele Crepaz

Ausstellungskatalog „Figura“ S. 90 - Eine Geschichte der Skulptur in Südtirol/Tirol/Trentino nach 1945

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